ghostWenn ich etwas anfange, wenn ich ganz von vorne beginne und etwas neu entdecke, dann bin ich leer. Ich weiß nichts und kann nichts von dem. Wie ein kleines Kind stehe ich da und sauge alles auf, was mir gegeben wird. Ich bin wie ein leeres Glas, was sich langsam füllt, Tropfen für Tropfen. Ich habe noch kein mir eigenes Bild von dem, was ich lerne und bin unendlich offen und vertraue dem, was an Information in meine Richtung fließt. Da es in mir keine vorhandenen Muster gibt, in die ich das neu Gelernte einflechten kann, landet die Information ungefiltert in mir und kann sich frei entfalten und entwickeln. Ich bin ohne Begrenzung und Vorbehalte. So lerne ich sehr schnell Dinge, die mir völlig fremd sind.

Hmmm… Dies dürfte in der Regel wohl eher NICHT der Fall sein.

Aber wir könnten das ja mal versuchen.

Vielleicht schauen wir uns kurz an, mit welcher Art von Erfahrung die meisten Lindy Hop SchülerInnen zum Kurs kommen

. Bewegung . Die meisten Lindy Hop SchülerInnen kommen mit einer irgendwie gearteten Tanzerfahrung zum Kurs, wenigstens aber mit einer jahrelangen Bewegungserfahrung. Jeder von uns läuft, sitzt, springt, hat Erfahrungen in Sport oder Yoga oder eben auch Tanz. 

. Begegnung . Jeder hat Erfahrungen in Begegnung. Wir wissen, dass es Unterschiede gibt in der Begegnung zwischen ‚gleichen‘ und ‚unterschiedlichen‘ Partnern. Wir wissen, dass Status, Geschick, Erfahrung, Emotionen, Mindset und vieles mehr eine Rolle spielen in der Art und Weise, wie wir uns begegnen.

. Berührung . Berührung kann für jeden von uns anders sein. Es gibt eine neutrale und weniger neutrale Art sich zu berühren. Und jeder von uns bringt unterschiedliche Erfahrungen mit in die Begegnung im Kurs. 

. Musik . Der eine ist musikalisch geübt, der andere nicht. Der eine hört den Beat und die vielen Instrumente, der andere hört die unendlichen Klänge zwischen den Instrumenten. Musik kann so unterschiedlich empfangen werden. 

Diese kleine und äußerst unvollständige Auflistung zeigt schon sehr deutlich, dass wir nicht als offenes, leeres Glas zum Anfängerkurs kommen. Wir kommen mit Erfahrungen, mit Ängsten und Vorbehalten. Vielleicht haben wir ein konkretes Bild davon, was uns dort geboten werden soll, wie die Tanzlehrer tanzen sollten, wie die Musik zu sein hat und ob wir mit verschiedenen Tanzpartnern tanzen sollten oder nicht. Wir sind eben keine Anfänger. Zwar lernen wir eine neue Art uns zu bewegen, zu berühren und zu kommunizieren, aber Anfänger in all diesen Disziplinen sind wir schon lange nicht mehr.

Umso schöner ist es, wenn es uns gelingt, einen sogenannten Anfängergeist zu kultivieren.

„Wenn unser Geist leer ist, ist er für alles bereit. Im Anfänger-Geist liegen viele Möglichkeiten, in dem des Experten wenige.“
(Zitat: Shunryu Suzuki)


Wir erschaffen uns Möglichkeiten, wenn wir uns leer machen und die Dinge frisch und neu sehen. Und wir haben mehr Potential, zu lernen und zu integrieren, wenn wir mehr Möglichkeiten haben. So lernen wir ohne Widerstände und haben schneller Erfolg mit dem was wir erlernen.

Das gilt im Übrigen genauso für Lehrer und Experten. Jede Gruppe und jeder Schüler ist neu, jedes Mal. Und jeder Kurs entfaltet sich anders, auch wenn es der 50. Anfängerkurs ist, den man gibt. 

Kann ich das trainieren? Klar. Keiner kann behaupten, dass man sich einfach leer machen kann wie ein kleines Kind. Jedoch kann man sich dieser Haltung annähern.

Die wichtigsten Punkte auf dem Weg zum Anfängergeist:

. Beobachten . Zu allererst sollte die Beobachtung stehen. Ohne zu reagieren beobachte ich, was geschieht. Ich nehme wahr, was ich denke, was ich weiß, was ich will, wogegen und wofür ich bin. Ich nehme auch wahr, was der andere von mir will und was sie oder er weiß und dazu denkt. Ich beobachte ohne zu reagieren. Das fällt uns meistens nicht ganz leicht, ist aber von unschätzbarem Wert auf dem Weg zum echten Anfänger.

. Bewerten . Ich sehe zunehmend davon ab, das Beobachtete zu bewerten und zu beurteilen. Bewertungen setzen Grenzen und lösen Widerstände aus. Als ultimativer Anfänger will ich frei davon sein und mir erlauben, erstmal vorbehaltlos auszuprobieren. Das Bewerten kann ich auf später verschieben, wenn ich das Neue gelernt und integriert habe. 

. Loslassen . Beim Erlernen neuer Dinge ist es von unschätzbarem Wert, alte damit kollidierende Dinge loszulassen. Wenn ich beim Salsa gelernt habe, meine Hüfte seitwärts zu schwingen und der Lindylehrer mir nun empfiehlt, die Hüfte in einem ruhigen Auf und Ab zu bouncen, hilft es mir ungemein, ersteres loszulassen. Wenn ich in mir Gedanken beobachte, wie ‚ich will mit meinem Partner weitertanzen und nicht wechseln‘, der Lehrer aber genau das vorschlägt, kann ich nur gewinnen, wenn ich das loslasse. Alles, was ich loslasse, kann ich später wieder bekommen. Es ist also kein Verlust, nur ein Erfahren neuer Möglichkeiten. 

. Lachen . Ohne Humor wird es sicherlich ganz schwierig werden mit dem Anfängergeist. Das Beobachten, Loslassen und Nicht-Bewerten wird ungemein beflügelt, wenn ich bereit bin, über mich zu lachen. Das ist sozusagen der Schlüssel zum Erfolg. 


Viel Erfolg!