großkleinEin Plädoyer für mehr Wertschätzung auf allen Ebenen.

Dazu eine kleine Geschichte von Klaus, einem neuen Lindy Hopper:
Die tanzbegeisterte Martina überrascht ihren Freund Klaus zum Geburtstag – ein Gutschein für einen Lindy Hop Einsteigerkurs am Mittwochabend. 8 Termine für den vollen Erfolg auf der Tanzfläche. Klaus schmunzelt und zweifelt und sträubt sich und entschließt sich schließlich, sich das zu trauen. Klaus tut sich schwer mit dem Tanzen und fordert Geduld von allen beteiligten, doch der Kurs ist ein Gewinn für beide. Selten hatten die beiden so viel Spaß und so viel gemeinsame Herausforderung. Ein zweiter Kurs folgt und auch ein dritter. Mit den regelmäßigen Tanzabenden und dem Besuch beim ersten lokalen Workshop werden Wünsche geweckt. Schließlich gibt es jede Menge tolle Veranstaltungen da draußen auf den Swingtanzflächen des Landes. Die Youtube-Videos, die Erzählungen und die bunten, magischen Flyer locken Martina und Klaus heraus aus der lokalen Szene. Die Wahl fällt auf Budapest, eine tolle Stadt, ein übergroßer Workshop mit allen internationalen Namen, die man gar nicht aussprechen kann und mit einer deutlichen Prise Exotik. Also Workshop gebucht, Flieger gebucht, Hotel gebucht, Klamotten gekauft, auf Facebook gepostet und schnell noch ein paar Moves eingeübt. Toll. Es geht los. Eine neue Ära beginnt. 
Die internationalen Lehrerstars unterrichten Gruppen von 50-100 Teilnehmern, 25-50 Klaus‘ und Martinas. Sie werfen um sich mit neuen Moves, heißen Dips und wilden Techniken und machen die Gruppe ganz heiß auf mehr. Es wird sogleich festgelegt, wo man die nächsten Workshops besucht. Das wird ein richtig krasses Jahr. Mensch, was gibt’s für geile Events. Doch jetzt erst mal heim, Workshop vorbei, am Montag ruft die Arbeit.
Am Mittwoch, zurück in der lokalen Tanzschule kommt der Kater so richtig zum Tragen. „So spannend ist das hier nicht,“ denkt sich Klaus. „Wie hab ich das nur so lange ausgehalten? Und wie tanzen die eigentlich?“ 
Für Klaus und Martina steht fest: „Wir geh’n jetzt überwiegend auf Workshops. Das is mir hier zu langweilig.“

Wie schnell vergessen wir den Wert der lokalen Szene und der „kleinen“ Lehrer back home. Was wäre Budapest, Rock that Swing, Herräng und all die anderen großartigen Events ohne die kleine Szene back home, wo die Hausaufgaben gemacht werden, wo die Tänzer geworben und begeistert werden und wo der Spirit für jeden einzelnen Tänzer sein zu Hause hat. 

Wie schnell urteilen wir über den einfachen, langsamen Unterricht back home, der uns die Technik lehrt, die wir brauchen, um auf den großen Workshops mitzukommen? Wie oft beschweren wir uns über die pupsigen lokalen Tanzevents und das geringe Niveau, auf dem dort getanzt wird? 

Wie oft hört man auf großen Workshops von Lehrern, die Gruppe sei zu schlecht oder zu heterogen? Wie viele große Lehrerstars unterrichten in den kleinen lokalen Szenen und erleben die aufwändige Basisarbeit?

Ich wünsche mir mehr Wertschätzung da draußen für alle, die diese wundervolle Szene erschaffen und mitgestalten. Jeder Einzelne hat das verdient. Der Tänzer, der gerade angefangen hat genauso, wie die großen Stars, die beim ILHC abräumen. Der kleine Lehrer, der gerade seine ersten Schritte im Unterrichten geht genauso, wie ein senior teacher beim Snowball. 

Lasst uns heraustreten aus dieser Glocke der Bewertung und gemeinsame Sache machen. Pflegt die Szene mit all eurem Wohlwollen. Sie hat es verdient.

Tanzt miteinander und nicht gegeneinander.